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Offener Brief
Von:
Arno S. Hamburger

07.12.06 14:27 Uhr (Nürnberg)
Geehrter Herr Dr. Verleger,
Sie und andere „Jüdinnen und Juden aus Deutschland“ haben sich bemüßigt gefühlt, eine Petition „Schalom 5767“ (Berliner Erklärung) ins Internet zu stellen, in der Sie die deutsche Regierung zusammen mit der Europäischen Union auffordern:
- "die israelische Besatzungspolitik nicht länger zu tolerieren
- kurzfristig den Boykott der Palästinensischen Autonomiebehörde zu beenden
- endlich die Verwirklichung eines lebensfähigen palästinensischen Staates ernsthaft anzustreben, in Gaza und dem gesamten 1967 besetzten Westjordanland einschließlich Ost-Jerusalem, mit voller Souveränität und freiem Verkehr“.
Weiterhin verlangen Sie
„Fragen der Rückkehrrechtes der von Israel .1948 vertriebenen Palästinenser
können einvernehmlich gelöst werden, wenn Israel als Zeichen der
Versöhnungsbereitschaft die Vertreibung als Unrecht benennt. Der Status
Jerusalem als Doppelhauptstadt wird zu klären sein. Ein Vorschlag der
Arabischen Liga zur Einigung mit Israel liegt vor. Der Frieden wäre greifbar nahe“. Nun, Herr Professor, ich bin der Meinung, dass zumindest die Möglichkeit besteht, dass bei Abfassung Ihrer Petition die Herren Achmedinedschad und Nasrala Pate gestanden haben.
Sie sehen, genau wie diese Unmenschen, die Israel von der Landkarte ausradieren wollen, das ganze Übel im Mittleren Osten in der Politik Israels. Dabei verwechseln Sie, die
„Jüdinnen und Juden in Deutschland“, Ursache und Wirkung, wie dies leider in unserem Land - und wenn ich sage, in unserem Land, dann meine ich die Bundesrepublik, denn auch ich bin ein Jude in Deutschland, etwas länger als Sie, wie Sie aus meiner in Kurzfassung beigefügten Biographie erkennen können – sehr oft der Fall ist, besonders wenn es um die Konsequenzen aus der Nazizeit und dem 2. Weltkrieg geht (Vertreibung aus Ostpreußen, Oberschlesien, Gebietsverluste in Osteuropa ect.). Sicher, auch in Israel wurden von jüdischer Seite vor der Gründung des Staates und danach Fehler gemacht. Aber diese Fehler entstanden primär durch Aktionen, die von arabischer Seite gegen die jüdische Bevölkerung in Israel und den neu gegründeten Staat initiiert wurden. Von diesen Aktionen der arabischen Staaten und der „unterdrückten“ Palästinensern steht in Ihrer Petition kein einziges Wort. Und wenn Sie Ihre einseitige Berliner Erklärung unter ein Motto aus dem Talmud stellen
„Was dir verhasst ist, tue deinem Nächsten nicht an“ - Sie sind ja in einem orthodoxen Haus aufgewachsen, so stelle ich dem gegenüber das Wort eines deutschen Klassikers - ich bin ja ein Jude in Deutschland - , nämlich ein Zitat aus Schiller’s Wilhelm Tell: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“. Ich versuche, das kurz zu erklären: Das Grundübel ist nicht „die seit 1967 andauernde israelische Besetzung palästinensischen Gebiets“, das Grundübel ist die Haltung eines Teils der arabischen Bevölkerung in Israel und Palästina, besonders aber auch der arabischen Nachbarländer Israels. Lassen Sie mich aus der Proklamation des Staates Israel zitieren, die David Ben Gurion am 14. Mai 1948 verlas:
„Der Staat Israel .... wird all seinen Bürgern, unabhängig von Religion, Rasse oder Geschlecht, völlige soziale und politische Gleichberechtigung gewähren. Er wird Freiheit in Religion, Gewissen, Sprache, Erziehung und Kultur gewährleisten. ... Wir bieten allen Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und guter Nachbarschaft und rufen sie auf, Bande der Zusammenarbeit und
gegenseitigen Hilfe mit dem in seiner Heimat selbständigen jüdischen Volk zu knüpfen“. Was war das Resultat dieser Aufforderung zur Zusammenarbeit und zum Frieden? Am 15. Mai marschierten fünf arabische Armeen (Ägypten, Syrien, Transjordanien, Libanon und Irak) in Israel ein. Assam Pascha, der Generalsekretär der arabischen Liga, verkündete damals: „Dies wird ein Ausrottungskrieg und ein gewaltiges Massaker, über das man einst im selben Atemzug mit dem mongolischen Massaker und den Kreuzzügen sprechen wird“. Die Führer der fünf genannten arabischen Länder forderten die arabische Bevölkerung in der Region auf, temporär das Land zu verlassen, um den Vormarsch ihrer Armeen mit dem Ziel, die Juden zu vernichten, nicht zu behindern. Sie versprachen ihr, in wenigen Wochen die Juden ins Meer zu treiben, die Flüchtlinge zurück zu bringen und ihnen die von den Juden aufgegebenen Siedlungen zu überlassen als Kompensation für die Unannehmlichkeiten, die sie während der kurzen Kriegshandlungen erdulden mussten. Nun, der Ausgang ist ja bekannt. Nicht die Juden wurden ins Meer getrieben, sondern den Israelis gelang es, die Angriffe zurück zu schlagen und das ihnen von der UNO zugeteilte Gebiet zu behaupten, ja, es sogar geringfügig auszuweiten. Die einzigen territorialen Gewinne, die von einer der arabischen Armeen errungen werden konnten, waren die Besetzung von Judäa, Samaria und dem Ostteil von Jerusalem. Dies gelang der best ausgerüsteten Armee des Mittleren Ostens, der arabischen Legion aus Transjordanien unter dem britischen Befehlshaber Glubb Pascha, die sowohl zahlen- als auch ausrüstungsmäßig
der kleinen Armee des jüdischen Staates haushoch überlegen war. Aus diesen Kriegshandlungen des Jahres 1948 resultiert auch das noch heute bestehende Problem, das Sie als „Rückkehrrecht der von Israel 1948 vertriebenen Palästinenser“ in Ihrer Petition erwähnen mit der Forderung, dass „Israel die Vertreibung als Unrecht benennt“. Noch einmal betone ich: Die Mehrheit der damaligen Flüchtlinge wurde nicht von Israel vertrieben, sondern verließ auf Aufforderung der Führer der einmarschierenden arabischen Armeen das Land. Heute, fast 60 Jahre nach den erwähnten Ereignissen, leben von diesen Flüchtlingen nur noch sehr wenige. Die „Flüchtlingslager“ aber sind voll mit den Nachkommen dieser Leute, die von den arabischen Nachbarn Israels mit voller Absicht nicht integriert wurden, obwohl sowohl die räumlichen als auch die finanziellen Verhältnisse dies ermöglicht hätten. Sie werden heute noch als politisches Faustpfand gegen Israel benutzt. Merkwürdig ist nur, dass Sie in Ihrer Petition nicht erwähnen, dass viele arabische Länder wie z.B. Algerien, Tunesien, Marokko, Syrien, Iran, Irak und andere nach 1948 die Mehrzahl der jüdischen Bewohner ihrer Länder zwangen, diese zu verlassen, die dann alle in Israel Aufnahme fanden. Israel hat Hunderttausende dieser Vertriebenen in seinem kleinen Staat integriert und niemand denkt daran, für diese Menschen ein “Rückkehrrecht“ zu fordern. Es wäre mir ein Leichtes, Ihre weiteren Forderungen an die deutsche Regierung und die europäische Union ad absurdum zu führen. Ich erspare mir dies, weil ich das Gefühl habe, dass Sie und Ihre Mitstreiter ganz einfach nicht Willens sind, die Realitäten anzuerkennen. Ich wäre gerne bereit, mit Ihnen und Vertretern Ihrer Mitstreiter in einer öffentlichen Diskussion aufzuzeigen, wie einseitig Ihre Darstellung von dem „gesamten 1967 besetzten West-Jordanland einschließlich Ostjerusalem“ sind, wobei ich sicher bin, dass Sie wissen, dass die so genannte Westbank und Ostjerusalem bis 1967 von der arabischen Legion Transjordaniens besetzt worden war bis diese Territorien im 6-Tage-Krieg von der israelischen Armee eingenommen wurden. In wie weit die seinerzeitigen Besatzungstruppen eines arabischen Staates (Transjordan) den Palästinensern bei der Schaffung eines eigenen Staates während einer Zeitspanne von rund 20 Jahren behilflich waren, ist ja bekannt! Eine Bemerkung darüber ist in Ihrer Petition nicht zu finden.
Lassen Sie mich zusammenfassen: Es ist für einen Juden in Deutschland mit einer Vergangenheit wie der meinen, der Zeit seines Lebens seinen Kopf für die jüdische Sache hingehalten hat, unverständlich, dass „Juden und Jüdinnen in Deutschland“, die in Frieden und Ruhe in der BRD ihr Leben führen, den jüdischen Staat in der Öffentlichkeit in einer Art und Weise darstellen, die genau der Meinung der Hamas, der Hisbollah, des Iran aber auch der NPD und den ewig Gestrigen in unserem Land entspricht, die keine Rücksicht darauf nehmen, dass die Menschen in Israel tagtäglich durch Selbstmord-Attentäter oder Raketenbeschuß bedroht werden. Es wäre interessant festzustellen, ob Ihre Einstellung zu den „entwürdigten und entrechteten Palästinensern“ noch die gleiche wäre, nachdem Sie 4 Wochen in Sderot oder in Kirjat Schmona verbracht und die Bekanntschaft mit einigen Kassam Raketen gemacht hätten! In Deutschland sicher zu sitzen, keine Angst um Frau und Kinder haben zu müssen und Petitionen zu verfassen ist sicher einfacher. In einem TAZ-Interview erklären Sie, dass Sie sich „dennoch als ein Freund des Landes verstehen und dass Ihnen dieses Land einfach mehr bedeutet als andere“. Nun, Herr Professor Verleger, auf solche Freunde wie Sie kann das Land gerne verzichten, und verstehen Sie mich auch, wenn ich ganz dezidiert sage, dass auch die übergroße Mehrheit der jüdischen Gemeinschaft in der BRD auf solche Mitglieder gerne verzichten kann.Achtungsvoll
Arno S. Hamburger Stadtrat 1. Vorsitzender
P.S.
Im Übrigen: Wäre es nicht an der Zeit, Russland und Polen aufzufordern, endlich die besetzten Ostgebiete mit den Städten Breslau und Königsberg um des lieben Friedens Willen endlich wieder zurückzugeben?
Hamburger Arno S.
B.: Vors. FN.: Israelitische Kultusgemeinde. GT.: Stadtrat d. Stadt
Nürnberg. DA.: 90411 Nürnberg, Johann-Priem-Str. 20. G.: Nürnberg, 15. Feb.
1923, Ki.: 2 Kinder. El: Adolf u. Charlotte. S.: Jüdische Volksschule Obere
Kanalstraße, 1937-38 Praktikant in einer jüdischen Elektrofirma. K.: 1939
Auswanderung nach Palästina, Annahme der britischen Staatsbürgerschaft. 1941
Eintritt in die englische Armee, 1946 Rückkehr nach Nürnberg, zunächst tätig als
Dolmetscher u. Übersetzer b.d. Nachfolgeprozessen gegen Kriegsverbrecher in
Nürnberg, danach Lehre als Metzger u. Eintritt in d. väterl. Firma, 1974-77
Fortführung d. Firma nach d. Tod d. Vaters. Seit 1966 2. u. ab 1972 1. Vors. d.
Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, 1972 Wahl in d. Stadtrat d. Stadt
Nürnberg, b. heute mehrere Wiederwahlen, Mtgl. im Ältestenrat, im Personal- u.
Organisationsausschuß, im Rechts- und Wirtschaftsausschuß, im Bau- u.
Vergabeausschuß, Stadtentwässerungsbetrieb, Rechnungsprüfungsausschuß, darüber
hinaus stellv. Verwaltungsratsvorsitzender d. Eigenbetriebs Klinikum Nürnberg, AR d. Messe Nürnberg, AR b.d. Städt. Werken Nürnberg, Mtgl. im Kuratorium Reichsparteitagsgelände Nürnberg, ab 2004 Verwaltungsrat d. Sparkasse Nürnberg. E.: Bundesverdienstkreuz II. und I. Kl., Bayerischer Verdienstorden. BL.: Vermittlung in schwierigen Situationen in Verbindung m.d. früheren Rolle d. Stadt Nürnberg als Stadt der Reichsparteitage und der Nürnberger Gesetze, Transfer v. Grabsteinen aus dem 1. jüd. Friedhof ca. 1295 (1349 Pogrom in Nürnberg) d. im Treppenaufgang d. Südturms in St. Lorenz eingelassen waren in d. Aussegnungshalle im Friedhof Schnieglinger Straße, 1984 Bau d. Gemeindezentrums u. ab 1990 Bemühungen um d. Integration sog. Kontingentflüchtlinge. H.: Fußball (FCN), Tischtennis.
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